Vogelfütterung {Herzensthema}

Ich geb’s ja zu – ich habe lange gedacht, Vögel füttern, das ist Folklore. Wer einen Garten hat, stellt eben auch ein Futterhaus auf, das gehört doch irgendwie dazu. Zwei Handvoll Körner rein, rasch noch einen Meisenknödel in den Baum gehängt, fertig. Jedenfalls im Winter, wenn es draußen ordentlich kalt ist und Frost oder Schnee verhindern, daß die Tiere in der Natur noch etwas zu fressen finden?

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Seit diesem Herbst gibt es auch in unserem Garten endlich ein Vogelhäuschen, im Oktober haben wir’s aufgestellt. Schnell zwei Handvoll Körner rein – beileibe nicht fertig. Vogelfütterung ist tatsächlich ein schier unerschöpfliches Thema. Und mir ist’s ganz schön ans Herz gewachsen, seit ich angefangen habe, mich ausführlicher damit zu beschäftigen*. Oder wußtet Ihr zum Beispiel, daß in manchen Regionen Deutschlands die Spatzenpopulationen bis zu 50% zurückgegangen sind? Der frühere Allerweltsvogel steht inzwischen sogar auf der Liste der bei uns bedrohten Tierarten. So habe ich gelernt: Mit Foklore hat Vogelfütterung wenig zu tun. Im Gegenteil kann es sogar ein Beitrag zu Arterhalt – Erhalt der Artenvielfalt – und Naturschutz sein, den Gefiederten im eigenen Garten (oder auf dem Stadtbalkon, solange alle Parteien im Haus einverstanden sind) geeignetes Futter anzubieten.

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Kleine Einführung. Wer frißt was?

Die einen picken gerne an Körnern, die anderen bevorzugen in der Natur tierische Nahrung; Insekten, Weichtiere, Spinnen. Körnerfresser (etwa Sperlinge, Grünlinge, Zeisige, Stieglitze, Gimpel, Kernbeißer, Buchfinken oder Bergfinken) erkennt man an ihren eher kurzen, feisten Schnäbeln. Weichfresser (bei uns zum Beispiel Meisen, Rotkehlchen, Zaunkönige, Kleiber, Braunellen, Spechte) haben dagegen meist schmale, manchmal auch längere Schnäbel.

Mit Sonnenblumenkernen, Saaten (Mohn, Hanf, Hirse) und naturbelassenen Getreideflocken (vornehmlich Hafer) kann man für den Anfang nicht viel falsch machen. Weichfresser können allerdings, wie ich gelernt habe, Kohlehydrate aus Körnern nicht sonderlich gut verwerten, weshalb in vielen Spezial-Futtermischungen auch Gebackenes aus Mehl und Wasser (Bäckereierzeugnisse) enthalten ist, um diese Vögel mit zu versorgen. – Kommt aber jetzt bitte nicht auf die Idee, die trockenen Frühstücksbrötchen von gestern draußen auszukrümeln, denn da wird sicherlich Zucker drin sein: Zucker schadet.

Der generische Meisenknödel ist deshalb so wertvoll, weil er, wenn er gut ist, neben Fett als Energielieferant den Weichfressern vor allem Insekten (Proteine) leicht zugänglich macht. Also: Vor dem Kauf immer auf die Zutatenlisten gucken. Auch nicht geröstete und nicht gesalzene Erdnüsse oder andere Nusskerne werden verstärkt in der kalten Jahreszeit gerne angenommen. Denn je mehr Energie, desto besser für die Tiere. Übrigens könnt Ihr hausgemachtes Fettfutter auch gut direkt in die Rinde eines Baums schmieren, so hat auch der Specht (wenn denn einer in der Nähe ist) etwas davon. Wenn Ihr eine Futterglocke selbst herstellen wollt, bietet sich als Gefäß anstelle eines Blumentöpfchens auch eine halbierte Kokosnuss (ohne das Wasser) an – laßt die Vögel am Futterplatz zunächst das Fruchtfleisch herauslösen und füllt die Schale später mit Fettfutternachschub aus eigener Produktion.

Was fehlt? Richtig: Vitamine! Amseln zum Beispiel picken ganz gern an Äpfeln, wenn man sie ihnen hinlegt. Das kann Fallobst aus dem Garten sein oder vielleicht eine schrumpelige Frucht, die Ihr selber schon nicht mehr essen mögt. Solange sie bio ist und nicht gewachst oder gespritzt, kann sie auch als Vogelfutter dienen. Getrocknete Beerenfrüchte (ungezuckert) sind nicht nur im Winter als kleiner Snack sehr begehrt und in vielen Mischungen schon enthalten. Man kann sie aber auch separat kaufen, wenn Garten oder Balkon nichts entsprechendes hergeben.(In unserem Garten sind im Sommer vor allem die Johannisbeeren und die Kirschen bei den Vögeln beliebt.)

Während die meisten Gartenvögel im Winter eher fett- und energiereiches Futter mögen, bevorzugen sie im Sommer oft leichteres, eiweißreiches Futter. Und manche Weichfresser nehmen ihr Futter generell lieber vom Boden auf als aus dem Vogelhäuschen. Wenn Ihr also viel Platz im Garten habt und den Vögeln Konkurrenzsituationen am Freßplatz ersparen möchtet, könntet Ihr überlegen, für sie eine zweite Futterstelle einzurichten.

Solange ich nicht dazu komme (wie jetzt gerade), selbst Vogelfutter anzumischen, nehme ich lieber gekauftes als gar keines, versuche aber, auf Zusammensetzung und Herkunft zu achten. Genauso wichtig wie das Futter ist übrigens die Wasserversorgung. Selbst im Winter sollte in der Nähe des Vogelhäuschens immer eine Tränke mit frischem Wasser zur Verfügung stehen, in der die Vögel nicht nur trinken, sondern auch baden und ihr Gefieder reinigen können – denn das tun sie auch, wenn’s draußen knackekalt ist.

Hygiene am Futterplatz

Sauberkeit ist das A und O. Dazu gehört, den Zustand des Futters regelmäßig zu prüfen und dieses auszutauschen, wenn es etwa verschmutzt ist oder bei feuchtem Wetter zu lange im Nassen gelegen hat. Bestes Mittel, ein Vogelhäuschen zu säubern, ist einfach warmes Wasser, ohne Seife, ohne alles. Zum Ausputzen eignet sich eine Wurzelbürste oder ähnliches Schrubbwerkzeug.

Generell sollte das Futter immer regengeschützt liegen, am besten sind deshalb Vogelhäuschen oder Futterspender mit heruntergezogenem Dach geeignet. Groß genug sollten die Häuschen sein, damit mehrere Vögel sie gleichzeitig anfliegen können, ohne daß einer den anderen vom Nachschub verdrängt – und in katzensicherer Höhe angebracht, damit es in unbeobachteten Momenten nicht noch ein Unglück an der Futterstelle gibt.

Warum aufräumen manchmal doof ist. Vogelgerechte Gartengestaltung

Der Spatz ist nicht der einzige Singvogel, der bei uns inzwischen in seinem Bestand bedroht ist. Vor allem die Landwirtschaft mit ihren Monokulturen hat die Lebensräume vieler Wildvögel in den vergangenen Jahrzehnten zusehends schrumpfen lassen. Abhilfe kann da ein vogelfreundlicher Garten schaffen, der an vielen Stellen Futter und Nistmöglichkeiten bereithält.

Wie so ein Garten sich gestalten läßt? – Erste Regel: weniger aufräumen. Gut, oder? Abgeblühtes länger stehen lassen, damit die Vögel der Umgebung vielleicht sogar bis ins nächste Frühjahr hinein an den Samenständen von Blumen oder Sträuchern picken können, und besser nicht jedes Unkraut sofort  aus der Erde reißen. (Löwenzahn, Disteln, selbst Brennesseln sind durchaus beliebt.) An Obstbäumen und Beerensträuchern zur Reifezeit im Sommer immer einige Früchte hängen lassen, damit sie als Futter zur Verfügung stehen. Und, klar: einen Komposthaufen vorhalten, in dem die Vögel im Garten nach Würmern suchen können.

Zweite Regel: unterschiedliche Nist- und Rückzugsmöglichkeiten anbieten. Das kann eine abwechslunsgreiche  Bepflanzung sein aus Hecken, einheimischen Sträuchern und Stauden, das können aber auch Nistkästen sein, die an verschiedenen Stellen im Garten aufgehängt werden. – Nistkästen könnten wir bei uns im Garten in der Tat auch noch aufhängen. (Über unsere Hecken fluche ich jedes Jahr wieder, weil ich das Zurückschneiden nicht mag. Zu anstrengend!)

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Dritte Regel, irgendwie logisch: Ein vogelfreundlicher Garten ist genauso ein insektenfreundlicher Garten. Laubhaufen oder Totholzstapel bieten Spinnen und allerlei bei Weichfressern begehrtem Getier zahlreiche Überwinterungsmöglichkeiten. Und im Sommer sollten an vielen Stellenn nekatrreiche Pflanzen als Nahrungsquelle zur Verfügung stehen.

Kurzer Exkurs: Streitthema Ganzjahresfütterung

Während der Wintermonate Vogelfutter anbieten? Ja, darüber herrscht wohl allgemeine Einigkeit. Ob aber die sogenannte angepaßte Ganzjahresfütterung sinnvoll ist? Diese Frage ist bei Naturschützern in Deutschland immer noch umstritten, wie ich inzwischen weiß. In anderen Ländern (Großbritannien vor allem, wo Ornithologen sich seit Jahrzehnten auf eigene Beobachtungen und Untersuchungen stützen) wird die Ganzjahresfütterung als sinnvoller Beitrag zum Vogelschutz längst befürwortet. Aber offenbar glaubt mancher nach wie vor, man sollte die Gefiederten im besten Fall sich selbst überlassen. Sind sie doch selbst schuld, wenn sie nichts zu fressen finden – überspitzt formuliert. Und warum denn auch zufüttern, wenn’s blüht und grünt und hier einige Körnchen und da ein paar Beeren oder Früchte zu finden sind? Gute Frage.

Vielleicht, weil unsere Gartenvögel gerade während der Brut- und Aufzuchtzeiten im Frühjahr und Sommer auf eine gute Versorgung angewiesen sind. Sogar früh heimkehrende Zugvögel können von einem ganzjährigen Zusatz-Futterangebot unter Umständen profitieren, weil sie Nahrung finden, wo die Natur im Spätwinter noch nicht viel hergibt. Und eine weitere Antwort scheint zu lauten: Weil selbst ein drei Schrebergärten (etwa ein Hektar) großer, völlig naturnaher und vogelfreundlicher Garten nur wenige Tiere ganzjährig ernähren kann. Zum Beispiel habe ich gelesen, daß zehn Kilogramm Sonnenblumenkerne gerade einmal ausreichen, um drei Grünlinge (als Beispiel) über ein Jahr zu bringen. Überlegt mal, wie viele Sonnenblumen ich da heranziehen müßte? Der ganze Garten stünde voll – und das würde noch nicht ausreichen. Für drei Vögel … Das ist nicht genug. Und so liegt’s für mich auf der Hand, daß ich mir vornehme, ab jetzt das ganze Jahr über eine Vogelfutterstelle in unserem Garten zu unterhalten.
Macht Ihr mit?

 

*Weiterführende Literaturhinweise.
Hilfreich fand ich für den Anfang sehr viele Informationen aus diesem Buch, das ich mir netterweise bei einer Kollegin ausleihen konnte: Berthold, Peter und Gabriele Mohr: Vögel füttern, aber richtig. Das ganze Jahr füttern, schützen und sicher bestimmen. 110 Seiten mit 147 Fotos und 11 informativen Grafiken. Broschur. Franckh-Kosmos Verlag, 3. Auflage 2012.
Auch das Internet ist voll von nützlichen Hinweisen und praktischen Tips. Wie hier: Wildvogelhilfe
Pro und Contra der ganzjährigen Fütterung (siehe oben – das Laubenhausmädchen ist pro) erläutern zum Beispiel NABU und LBV auf ihren Seiten: NABU, Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V.

Beachtet bitte: Mein Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder alleinige inhaltliche Richtigkeit. Ich möchte lediglich auf ein Thema aufmerksam machen, das mir sehr am Herzen liegt, und informieren.

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4 Gedanken zu „Vogelfütterung {Herzensthema}

  1. Ein toller Artikel! Kleintochter und ich haben jetzt auch ein Vogelhäuschen auf dem Balkon, allerdings eher Typ „Rustikal“. 🙂 Mit Vergnügen schippt sie da die Kerne und Rosinen hinein. ich fürchte nur, dass wir die Tauben eher unterstützen als die Spatzen und Meisen.

  2. Der Artikel ist super! Da steckt so viel Wissenswertes drin – ich überlege schon, wie wir auf unserem kleinen Balkon eine Vogelfütterungsstelle einrichten können. Danke für den tollen Beitrag :-)! Liebe Grüße, Reili

    • Dankeschön! ❤ Für den Balkon gibt es ja auch so kleine Futterschälchen, die man mit einem Saugnapf an der Fensterscheibe befestigen kann. Oder Du knotest einfach einen Maisenknödel ans Geländer. Da läßt sich bestimmt was machen. Liebste Grüße zurück!

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