Zu Besuch in Monticello. Bei andern übern Zaun geguckt {Laubenhausmädchen verreist}

Draußen? immer noch grau. Wettervorhersage? Bescheiden. Längst hohe Zeit, daß ich Euch noch mal mitnehme über den großen Teich und von meiner Reise erzähle. Kommt Ihr mit? – Ich habe nämlich einen neuen Lieblingsort entdeckt. Echt!

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Der erste Halt auf meiner Fahrt durch den nördlichen Süden, und direkt ein Highlight: Monticello. Der kleine Berg im Grünen, Thomas Jeffersons Landsitz und Plantage in Virginia, um 1770 nach seinen eigenen Plänen gebaut. Jefferson? Ja, richtig. Dritter Präsident des Landes, der mit der Unabhängigkeitserklärung, ja. The pursuit of happiness. Die Grundfeste des amerikanischen Selbstverständnisses. Für mich ein beeindruckender Ort. Das Anwesen kann man heute besichtigen – auch das sehr typisch. Vom Visitor Center unterhalb des Hügels fährt ein kleiner Bus die Straße rauf zum Haus, die Besucher werden direkt vor der Tür abgeladen. (Und als Europäer denkt man sich, och, also, die 5 Minuten hätte ich jetzt wirklich auch laufen können!) In kleinen Gruppen wird man durchs Gebäude geführt, durch die hohe Eingangshalle mit den heute historischen Exponaten von der Lewis-und-Clark-Expedition Richtung Westen, Richtung Pazifik (Jeffersons Idee), durch seine privaten Räume, durch Bibliothek, Arbeits- und Schlafzimmer. Das Haus hat 14 Fenster und 13 Dachfenster, drin sein und gleichzeitig draußen, immer im Tageslicht, den Blick ins Grüne gerichtet, das war wohl die Idee. Seine Bücher hat Jefferson später verkaufen müssen, weil er verschuldet war. Geschickt: Er hat sie dem Staat angedient, der nach dem Angriff der Briten 1812 die Library of Congress wieder aufbauen mußte. – Hm ja, Geschichte… Super Sache! (Wenn Ihr mich fragt.)

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„No occupation is so delightful to me as the culture of the earth, and no culture comparable to that of the garden…But though an old man, I am but a young gardener.“*

Daß Jefferson seine Gärten liebte und daß sie nicht nur der Selbstversorgung dienten, sondern daß er dort auch Pflanzen züchten ließ und experimentierte, wußte ich vorher und hatte mir deshalb schon länger mal gewünscht, Monticello zu besuchen. Daß der Ort an meiner Fahrtroute lag, war aber auch ein bißchen Glück.

Die Gemüsegärten werden heute noch bewirtschaftet. Sie sind ursprünglich als Terrasse angelegt, nach Süden – und wunderschön. 1.000 Fuß lang, wie viel Meter sind das überhaupt? (304,8.) 330 verschiedene Gemüse hat Jefferson dort ursprünglich kultivieren lassen. Neben den heimischen wuchsen allerlei fremde Sorten, die aus Saatgut gezogen wurden, das aus allen Teilen der Welt nach Monticello kam. Gleiches wohl in den Blumengärten, die immer auch Versuchsgärten waren. Wein und Obst wurden auch angebaut. Äpfel, Beeren, Pfirsiche, Feigen… Das kann ein rechtes Paradies gewesen sein.

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Die Wälder ringsum soll Jefferson sein sein Meer, seinen green ocean, genannt haben. Grün, soweit das Auge reicht. (Meine Lieblingsfarbe, übrigens.) In dem Gartenhäuschen soll er gesessen haben, wenn er sich zum Nachdenken zurückziehen wollte. – Und wer kann ihm das verdenken? Ich kenne keinen friedvolleren Ort, heute. Denn als Besucher landet man doch direkt mitten im Dilemma. Diese Anlage, das Anwesen, Jefferson, der Freidenker. Der für Bildung und für Aufklärung war, für die Unabhängigkeit von Staat und Kirche, der eine Universität gegründet und diese wahnsinnigen Gärten unterhalten hat… Und doch: Monticello war auch eine Plantage. Ohne enslaved workers (jetzt zitiere ich aus den Besucherinformationen) seinerzeit nicht zu betreiben. Bäm! Wie paßt das zusammen? Wie kann das sein, und heißt das etwa, all men, das habe ich immer falsch verstanden? Es können ja gar nicht alle gemeint gewesen sein, wenn ein Teil ganz offenbar von vornherein ausgeschlossen war. (All men – und die Frauen, by the way? Ach. Das ist doch Mist!) Da kriegt man als Besucher eine ganz schöne Nuß zu knacken.

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Trotzdem: Nach der langen Anreise, nach dem stundenlangen Fluglärm und der Aufregung der ersten Nacht im Motel war das der perfekte Platz, um anzukommen. Diese Bäume! Der Park, die Gemüsegärten… Für Schrebergärtner ein echter Ansporn. Und ich hätte noch Stunden länger einfach nur auf einer Bank dort sitzen können, mit einem Kaffee in der Hand und ’nem Cookie. (Freshly baked, versteht sich.) Und in die Landschaft gucken. In dieses Grün the sea of green, das mich so beruhigt hat.

Die Fahrt im Auto von Richmond (der Hauptstadt von Virginia, Anfangs- und Endpunkt meiner kurzen Rundreise) dauert etwa eine Stunde, wenn man der I-64 (Interstate) nach Westen bis Charlottesville folgt. Ein lohnender Stop, ich möcht’s Euch sehr gern sehr ans Herz legen. Wenn Ihr mal in der Gegend seid?

 

*Das Zitat ist der Website www.monticello.org entnommen.
Die dort genannte Referenz führt zu folgender Quelle: „Jefferson to Charles W. Peale, August 20, 1811. Lipscomb, Andrew A. and Albert Ellery Bergh, ed. The Writings of Thomas Jefferson, Volume 13. Washington D.C.: Issued under the auspices of the Thomas Jefferson Memorial Association of the United States, 1903-04, p. 79.“

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Ein Gedanke zu „Zu Besuch in Monticello. Bei andern übern Zaun geguckt {Laubenhausmädchen verreist}

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